Inge Wetzel - Weltrekord-Segelfliegerin aus Strausberg Ein besonderes Kapitel Strausberger Segelfliegerei schrieb eine Frau Inge Wetzel. Am 27. Februar 1915 Mecklenburgischen Altentreptow geboren, galt ihre Begeisterung schon als junges Mädchen dem Sport. Doch auch die Biologie und die Mathematik hatten es ihr angetan. Sie wurden später Ziel ihres Hochschulstudiums. Die Versetzung des Vaters nach Strausberg, wo er eine Anstellung an der evangelischen Kirche St. Marien erhielt, machte Inge Wetzel zur Wahlstrausbergerin. Hier hatte sie, inzwischen achtzehnjährig, erste Kontakte zu Strausberger Segelfliegern. Immer größer wurde in ihr der Wunsch, selbst das Fliegen zu erlernen. Sie wurde darin noch durch die Leistungen deutscher Segelfliegerinnen jener Zeit bestärkt. Aufmerksam verfolgte sie die Langstreckenflüge, die Elly Beinhorn im Jahre 1931/32 mit leichten Sportflugzeugen in verschiedenen Teilen der Welt absolvierte, und fasziniert war sie von Hanna Reitsch, die 1933 und danach mehrere Frauen-Weltrekorde im Segelflug aufstellte. In Strausberg blieb der Weg zum Segelfliegen für Frauen allerdings noch versperrt. Das neugegründete DLV-Fliegernest in der Stadt verstand sich als Segelfluggemeinschaft junger Burschen. Doch für Inge Wetzel war das kein Hindernis. Selbst der Spott ihrer Schulfreundinnen konnte sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Und sie hatte Glück. Am 23. Juni 1933 erschien in der Strausberger Zeitung die Mitteilung, daß im Rahmen der Reichswerbewoche des DLV auch in Strausberg eine Frauensegelfluggruppe aufgebaut werden soll. Schnell gab sie im Werkstattgebäude des Fliegernestes, in der Klosterstraße 14 ihre Anmeldung ab. Jeder Gedanke, jede freie Minute gehörten jetzt der Vereinsarbeit, um schnell in die Geheimnisse des Fliegens einzudringen. Wie aus vorangegangenen Kapiteln bekannt, war das Segelflugzeug des Strausberger Fliegernestes noch im Bau, und mit einem geeigneten Fluggelände gab es noch Probleme. So konzentrierte sich Inge Wetzel vorwiegend auf die Theorie. Wie sie selbst einschätzte, kannte sie das Buch "Schule des Segelfluges" damals fast auswendig. Die Strausberger Frauensegelfluggruppe knüpfte Kontakte zur Segelflug-Sektion der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Die Segelfliegerinnen dieser Gruppe flogen in den Gatower Bergen, einer Hügellandschaft im Westen von Berlin. Hier verschafften sich die Strausbergerinnen ein erstes Bild von der Realität des Segelflugbetriebes. Auf Dauer war jedoch Gatow aufgrund des weiten Anmarschweges und der begrenzten Ausbildungskapazität keine Lösung. Doch inzwischen war man in Strausberg gut vorangekommen. Das leidige Flugplatzproblem hatte sich geklärt, so daß im Frühsommer 1934 die ersten Segelfluglehrgänge beginnen konnten. Für Inge Wetzel war der ersehnte Tag gekommen. Sie nahm am Morgen ihr Fahrrad und fuhr durch die vertrauten Straßen der Stadt über die Gielsdorfer Chaussee nach Gartenstadt, um hier auf dem Schlächterberg ihr neues, ersehntes Leben als Fliegerin zu beginnen. Am flugbereiten Schulgleiter "Grunau 9" mit dem Namen "Roter Adler" begann die praktische Ausbildung. Unter Anleitung ihres Fluglehrers Hans Blumberg übten die angehenden Segelfliegerinnen zunächst das "Pendeln" und "Querlage halten". Eine nach der anderen durfte auf dem Schulgleiter Platz nehmen und fest angeschnallt im Hangwind pendeln. Ein bis zwei Stunden waren erforderlich, um diese notwendige Tätigkeit zu erlernen. Als nächstes standen die sogenannten Rutscher auf dem Programm, das heißt, im Fahrtwind Querlage und Richtung halten. Und auch das klappte vorzüglich. Noch am gleichen Tag begann man deshalb mit kleinen Sprüngen. Dabei wurde der Flieger ein Stück höher den Hang hinaufgezogen, das Gummiseil weiter ausgezogen, so daß aus dem Rutscher kleine Sprünge wurden - zunächst nur einige Meter weit, gerade über den Boden. Fast unbemerkt hob der Schulgleiter ab, man schwebte. Das gleichmäßige Rauschen der Spanndrähte, weiches Abfangen und sanftes Aufsetzen - der allererste Flug war absolviert. Er wurde auch für Inge Wetzel ein bleibendes Erlebnis. Mit jedem Start wurden die Sprünge länger und höher. Inge Wetzel erinnert sich: "Insgesamt gesehen war es eine harte Schule, und recht bald lichteten sich unsere Reihen. Die eine wurde plötzlich krank, die andere sonstwie durch irgend etwas verhindert. Schließlich blieben manche ganz weg, denn es waren nicht nur die hohen fliegerischen Leistungen, die abverlangt wurden, sondern auch die körperlichen Strapazen; man denke nur an die Mühen, die einem zusätzlich Start- und Haltemannschaft sowie Rückholtransport beim Flugbetrieb aufbürdeten. Es verblieb nach drei Wochen nur noch ein kleines Häuflein Flugbegeisterter, das wirklich zusammenhielt. Es wurde intensiv weitergeflogen. Rutscher und Sprünge, und immer wieder Rutscher und Sprünge, bis es endlich soweit war. Es ging auf den Schlächterberg hinauf, von wo nun die Übungsflüge gestartet wurden. Fast einen Monat lang war das der Startplatz, und leider war damit auch die Möglichkeit dieses Fluggeländes erschöpft. Der Schlächterberg reichte eben nur zur Vorschulung und nicht für die begehrte A-Prüfung, bei der man 30 Sekunden fliegen mußte". Unter Leitung ihres zweiten Fluglehrers Zobel hatten die Frauen einen Ausbildungsstand erreicht, bei dem ein Weiterschulen unter damaligen Strausberger Bedingungen nicht mehr möglich war. Das nächste Ziel war das Segelfluggelände bei Alt-Glietzen(nahe Bad Freienwalde). Dort, an den Oderhängen, konnten alle Prüfungen abgelegt werden. Hier konnte sich auch Inge Wetzel einen weiteren Traum erfüllen, als sie am 24. Juli 1934 mit einem Flug von 41 Sekunden die A-Prüfung bestand. Das war Tagesbestleistung. Bereits am nächsten Tag absolvierte sie den obligatorischen Bestätigungsflug. Im Jahr 1935 kam Inge Wetzel nach Königsberg, studierte dort Sport, Mathematik und Biologie und legte 1938 ihr Staatsexamen ab. Hier in Königsberg schloß sie sich sofort nach ihrer Ankunft der Segelflugabteilung des Hochschulinstituts für Leibesübungen an, die ihr späterer Ehemann Reinhold König leitete. Hier an der Ostseeküste mit ihren ausgezeichneten Flugbedingungen legte sie während ihres Studiums die B- und C-Prüfung im Segelflug ab. In der Nacht vom 30. Juni zum 01. Juli 1937 stellte die Strausbergerin Inge Wetzel als Studentin bei Palmnicken (Ostpreußen) eine Weltbestleistung für Frauen im Dauerflug auf. Sie war mit dem Segelflugzeug vom Typ Grunau-Baby 18 Stunden und 30 Minuten in der Luft. Nach dem Krieg fand Inge Wetzel in Landau/Pfalz eine neue Heimat und blieb dem Segelfliegen treu. Sie baute gemeinsam mit ihrem Mann die Fluggruppe des Landauer Aero-Clubs neu auf. Mit inzwischen 82 Jahren fühlt sie sich noch immer mit dem Segelflugsport und ihrer ehemaligen Heimatstadt Strausberg verbunden. Foto 1: Am Ostseestrand von Palmnicken nach dem Dauerflug-Weltrekord (Foto Inge Wetzel) Foto 2: Mitteilung in der Strausberger Zeitung vom 25. Juli 1934 über die A-Prüfung Strausberger Segelflieger (Sammlung H. Bukowski) Foto 3: Bericht von Inge Wetzel über ihren Weltrekordflug (Sammlung H. Bukowski)
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