Der Strausberger Segelflugsport im Strudel der Kriegsvorbereitung Wie bereits in den vorangegangenen Folgen dargelegt, hatten die Strausberger Segelflieger eine Reihe von Problemen mit ihren Flugplätzen. Es gab nur wenige geeignete Hänge in greifbarer Nähe, wo man den sogenannten Gummiseilstart anwenden und Flüge über 30 Sekunden Flugdauer durchführen konnte. Das änderte sich erst mit dem neuen Flugplatz an der Prötzeler Chaussee, der ab 1935 sowohl dem Flugzeugreparaturwerk Alfred Friedrich als Werksflugplatz für seine generalinstandgesetzten Schul- und Sportflugzeuge als auch den Segelfliegern der Flieger-Ortsgruppe des Deutschen Luftsportverbandes (DLV) als Ausbildungsplatz diente. Nachdem ab 1936 das gesamte Gelände an der Prötzeler Chaussee als Start- und Landeplatz für den Fliegerhorst erschlossen wurde, gestattete man den Segelfliegern die Mitbenutzung. Zwar herrschte dort nicht ständiger Flugbetrieb, wie das bei den Einfliegern der Firma Friedrich der Fall war, doch den Winden- und Flugzeugschleppstart konnte man recht oft beobachten. Beide Startarten dienten den Strausberger Segelfliegern als Fortsetzung für ihre Hangflugschulung auf dem Schlächterberg. Ein die Entwicklung des Segelflugsports jener Zeit bestimmendes Datum stellt der 1. März 1935 dar. An jenem Tag sah die nationalsozialistische Führung die Zeit für gekommen, die Weltöffentlichkeit von der Existenz einer neuen deutschen Luftwaffe in Kenntnis zu setzen. Waren bis dahin alle Bemühungen auf absolute Geheimhaltung der Aufbauphase von Luftstreitkräften konzentriert, bewegten sich die propagandistischen Aktivitäten in entgegengesetzter Richtung. Auch der Deutsche Luftsportverband nutzte diese Situation und verstand sich als wichtige Basis und Tarninstitution für den Aufbau der Luftwaffe. Das blieb nicht ohne Folgen für die örtlichen Fluggruppen. Fehlte es hier zu allen Zeiten an den erforderlichen Geldmitteln, erhielten sie jetzt mit gezielter Voraussicht hinsichtlich der militärischen Pläne vom Reich großzügige finanzielle, materielle und schon bald organisatorische Unterstützung. So ist es nicht verwunderlich, daß auch die Strausberger DLV-Ortsgruppe, die sich traditionell auf eine flugbegeisterte Jugend sowie vorhandene fliegerische und außergewöhnliche flugbauliche Aktivitäten stützen konnte, von dieser verhängnisvollen Entwicklung profitierte. Zunächst sah alle harmlos aus. Die DLV-Ortsgruppe nahm einen enormen Aufschwung. Hatte sie im Gründungsjahr 1933 eine Mitgliederzahl von 47, erhöhte sich diese auf das Fünffache im Jahr 1935. Ebenso schnell erhöhte sich die Zahl der selbstgebauten Flugzeuge. Verfügte die Ortsgruppe 1933 lediglich über ein Übungssegelflugzeug, waren es 1934 schon drei und 1935 vier sowie drei im Bauzustand, die 1936 zugelassen wurden. Auch die organisatorischen Veränderungen im DLV-Dachverband in Richtung Stärkung des nationalsozialistischen Einflusses warfen in Strausberg bereits ihre Schatten voraus. Am 01.11.1935 verlor bekanntlich der bis dahin tätige Präsident des DLV, Bruno Loerzer, seinen Posten. An seine Stelle trat Alfred Mahncke, der mit dem neuen Titel "Reichsluftsportführer" Chef des DLV wurde. Die Strausberger DLV-Ortsgruppe hatte dieser Entwicklung bereits vorgegriffen. Man löste den bisherigen Leiter des Fliegernestes, Flugzeugingenieur Wylezik, ab. Die Leitung übernahm ein gewisser Dr. Waeser, der sich fortan als "Führer der Flieger-Ortsgruppe" im Range eines "Fliegersturmführers" präsentierte. Aus dem Bericht dieses neuen "Führers", den er am 03. August 1935 in der Strausberger Zeitung über den Zustand der DLV-Ortsgruppe gab sowie aus weiteren Beiträgen dieser Zeitung in jenen Jahren läßt sich aus heutiger Sicht ein Bild davon zeichnen, wie die Ideologie des Nationalsozialismus und die Militarisierung auch in der Strausberger Segelfliegergruppe Fuß faßte. So heißt es zum Beispiel in der Strausberger Zeitung vom 7. Dezember 1935 unter der Überschrift "Erfolgreiches Jahr unserer DLV-Ortsgruppe": "Am Freitag, den 6. Dezember 1935 schätzte der Flieger-Ortsgruppenführer Dr. Waeser das verflossene Jahr als erfolgreich ein. Die Ortsgruppenstärke hat sich von 170 (1934) auf 250 (1935) erhöht. 100 Jungflieger kamen aus dem DJ (Deutsches Jungvolk). 16 wurden gut vorgebildet an die Luftfahrtindustrie, Sportfliegerei und Luftwaffe abgegeben. Der Reservesturm 20 ist im Aufbau (soll Anfang 1936 stehen), und neu entstanden ist die HJ-Jungfliegergefolgschaft IV/196 (Standort Strausberg) mit Fritz Bernhardt als Gefolgschaftsführer. Sie hat die Aufgabe, die heranwachsende Jugend zu erfassen, vorzubilden, soweit sie nicht in den Modellbau-/Flugbaugruppen tätig sind." Ein weiterer Schritt in der angedeuteten Richtung wurde mit der Auflösung des DLV und aller seiner Gliederungen im April 1937 gegangen. An seine Stelle trat das Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK) mit einem Militär an der Spitze, Generalmajor Christiansen, der zum Korpsführer NSFK ernannt wurde. Natürlich war die Auflösung nur eine formelle mit dem Ziel der Aufgabenpräzisierung und -straffung. Die neue Organisation, so schrieb die Presse in jener Zeit, wurde aus der Aufgabe des alten DLV entlassen. Sie diente jetzt ausschließlich der fliegerisch - vormilitärischen Ausbildung des Nachwuchses und der zentralen Steuerung des gesamten Flugsportes. Einen besonderen Stellenwert erhielt die Zusammenarbeit des NSFK mit der Flieger-HJ, in der Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren als fliegerische Nachrücker für die Luftwaffe, unter Voranstellung der nationalsozialistischen ideologischen Beeinflussung, im Segelflug, Modellflug und in der Werkstattarbeit ausgebildet wurden. Man hatte erkannt, daß die Segelfliegerei ein Mittel war, breite Kreise der männlichen Jugend in Größenordnungen an die fliegerische Grundausbildung heranzuführen, ohne enorme Geldmittel und ein technisch umfangreichen Apparat aufbauen zu müssen. Das NS-Fliegerkorps übernahm die Aufgabe, einen Nachwuchs heranzubilden, dessen ausgezeichnete Vorbildung es der Luftwaffe ermöglichte, aus ihnen in kurzer Zeit Militärflieger zu machen. Am 3. Mai 1937 wurde an Stelle des alten Büros der DLV-Ortsgruppe in der Klosterstraße 14 ein neues, größeres in der Ritterstraße 20 eröffnet, das alle Organisationen in sich vereinigte: "Flieger-Ortsgruppe-NSFK, Flieger-HJ, Modellfluggemeinschaft. Offensichtlich aus Geheimhaltungsgründen wurden ab 1938 in der Strausberger Presse die Informationen über die Segelflug-Aktivitäten und den Flugbetrieb auf dem neuen Flugplatz an der Prötzeler Chaussee nahezu eingestellt. Aus Berichten von Zeitzeugen geht jedoch hervor, daß die fliegerische Ausbildung des militärischen Nachwuchses durch die Strausberger NSFK-Fliegerortsgruppe forciert durchgeführt wurde. Von Jahr zu Jahr stiegen die Zahlen vormilitärisch ausgebildeter Luftwaffen-Bewerber. Man kann davon ausgehen, daß jährlich über 50 Jugendliche waren, davon über die Hälfte bereits mit absolvierter C-Prüfung. Im Dezember 1944 wurde die Segelflugausbildung in Strausberg vollständig eingestellt. Die Luftwaffenanwärter wurden überwiegend zur Infanterie oder zum Volkssturm abkommandiert. Die heranrückende Front kündete vom baldigen Zusammenbruch Hitlerdeutschlands. Erst 1958 kreisten wieder Segelflugzeuge über Strausberg. Es waren dieselben Baumuster wie etwa der Schulgleiter SG 38 oder Grunau-Baby, die 14 Jahre zurück zum letzten Flug vom Strausberger Flugplatz gestartet waren. Eine neue Generation und eine andere Zeit waren angebrochen. Doch dieses Kapitel Strausberger Fluggeschichte soll in einer weiteren Folge behandelt werden. Foto 1: Flugbetriebsbeginn auf dem Segelflugplatz an der Prötzeler Chaussee. Im Vordergrund das Schleppflugzeug vom Typ Klemm L 25, dahinter zwei Grunau II B und ein DFS Doppelsitzer "Kranich" (Foto: Schulz) Foto 2: Jürgen Friedrich aus Strausberg im SG 38 mit Boot auf dem Fliegerhorst. Im Hintergrund links die Unterkunftsgebäude der Luftwaffenkaserne (heute Wehrbereichsverwaltung VII) (Foto: Schulz) Foto 3: DSF "Kranich" für die Doppelsitzer-Schulung. Im Hintergrund die Gebäude des ehemaligen Wanderarbeitsheimes, das der Luftwaffe in jenem Jahr (1943) als Unterkunft diente (Foto: Schulz)
|