Folge 12

Strausberger Segelfliegerei im Schatten des Krieges

In der Folge 11 hatten wir bereits darauf hingewiesen, daß vermutlich aus Geheimhaltungsgründen die Berichterstattung über den Strausberger Segelflugsport seit dem Jahr 1938 nahezu vollständig eingestellt wurde. Konnten wir bei unseren Nachforschungen in der Zeit davor auf eine Vielzahl von Mitteilungen in der lokalen Presse zurückgreifen, ist die vorgefundene Quellenlage zu unserem Thema aus der Kriegszeit äußerst gering. Zum Glück haben Zeitzeugen durch ihre detaillierten Berichte diese Lücke schließen können. Zu ihnen gehört Hans Brantl, Jahrgang 1927, der von 1941-1944 Segelflieger in Strausberg war. Hier Auszüge aus seinem Bericht: "Mit 14 Jahren kam ich zu den Strausberger Modellfliegern. Mein Hausnachbar, Jürgen Friedrich, zwei Jahre älter als ich, bastelte Flugmodelle, und mir gefiel das. Eines Tages nahm er mich zur Modellwerkstatt am Fischerkietz mit, wo auch Segelflugzeuge instandgesetzt wurden. Der Werkstattleiter hieß Szemetat. Er brachte uns die Technik des Flugmodellbaus und das handwerkliche Geschick bei. Nachdem ein Flugmodell fertig war, begaben wir uns zum Schlächterberg, um es dort einzufliegen. Es machte mir Spaß, die flugtüchtigen Modelle zu starten, fliegen zu sehen und nach der Landung wieder aufzufinden. Leider gab es dabei viele Pleiten, Abstürze und Brüche - die Schattenseiten des Modellfluges. Die leichte Zerbrechlickkeit der Modelle brachte uns so manchmal an den Rand der Verzweiflung. Jeder Fehler in der Genauigkeit des Baues und der Materialbehandlung rächte sich bitter.

Mein allergrößter Wunsch war es allerdings, selbst das Fliegen zu erlernen. Ich schmiedete tolle Pläne und träumte davon, Flieger zu werden, obwohl ich noch nicht einmal eine passende Lehrstelle gefunden hatte. Mein Freund Jürgen Friedrich, wie auch viele andere Modellbauer, lernten im 'Flugzeugreparaturwerk Alfred Friedrich Strausberg' bereits Metallflugzeugbauer. Das war so eine Lehrstelle nach meinem Geschmack. Durch Fürsprache meines Werkstattleiters Szemetat wurde auch ich angenommen. Dort arbeitete auch mein zukünftiger Segelfluglehrer, Ernst Rose, als Kontrolleur in der Flugzeugteile-Fertigung. Ich hatte nun eine Lehrstelle nach Wunsch und die Gelegenheit, mich einer Segelfluggruppe anzuschließen. Mein erster Flugdienst begann im Frühjahr 1942. Wir waren zehn Flugschüler. Als Fluglehrer hatten wir einen Oberfeldwebel von der Luftwaffe.". Dem weiteren Bericht von Hans Brantl verdanken wir eine genaue Beschreibung der mühevollen und kräftezehrenden Flugausbildung auf dem Schlächterberg zur Erfüllung der Teilbedingungen für die begehrte A-Prüfung, die von den Strausberger Segelfliegern jener Zeit an den Oderhängen bei Alt-Glietzen abgelegt wurden. Hierzu heißt es in dem Bericht unseres Zeitzeugen: Wir schrieben Juni 1942. Mehrere Male bin ich von Strausberg nach Alt-Glietzen - meistens allein - mit dem Fahrrad gefahren, um dort die A-Prüfung abzulegen. Für die Hin- und Rückfahrt mußte man rund 80 Kilometer zurücklegen. Dazu möchte ich bemerken, daß es in jenen Jahren nicht so einfach war, solche körperlichen Anstrengungen zu vollbringen, weil die Ernährung in diesen Kriegsjahren zu wünschen übrig ließ.

Es gab lange schon Lebensmittelkarten und vieles nur auf Zuteilung. So habe ich auch mein Fahrrad auf Bezugsschein gekauft, für 63,-Reichsmark. Meine Übungsflüge im Oderbruch habe ich alle gut durchgestanden. Am 1. August 1942 legte ich die A-Prüfung ab. Als ich dann in Strausberg ankam, erstand ich mir als erstes mit dem Bestätigungsnachweis der 'A' einen Stoffaufnäher mit einer weißen Möve auf blauem Feld. Ich trug dieses Abzeichen stolz auf der Brust meiner Fluguniform". Die weitere Segelflugausbildung fand auch für Hans Brantl auf dem Strausberger Fliegerhorst statt. Er erinnert sich: "Hier lief aber die Ausbildung der Militärflieger auf Hochtouren, die das gesamte Flugfeld in Anspruch nahm. Der Kommandant des Horstes, Major Julius Buckler, hatte alle Hände voll zu tun, alles ins richtige Lot zu bekommen und vor allem, unseren Segelflugbetrieb unter allen Umständen aufrechzuerhalten. Das dritte Kriegsjahr stellte unsere Segelfliegerei in Strausberg auf eine harte Probe. Alles war knapp geworden. Nicht nur Lebensmittel, Bekleidung, Schuhe, Kohlen usw. waren rationiert, sondern auch den Sprit gab es nur auf gering bemessene Zuteilung. Das führte zu Einschränkungen beim Winden- und Flugzeugschleppstart". Interessant für uns Autoren war nicht nur die folgende, genaue Beschreibung der Segelflugausbildung auf dem Strausberger Fliegerhorst und die genutzte Flugzeugtechnik durch Hans Brantl, sie vermittelte uns auch eine genaues Lebensbild der Strausberger Bevölkerung in jenem schweren Kriegsjahren, die in unserem Buch eine ausführlichere Darstellung verdienen. Den weitere fliegerische Werdegang von Hans Brantl kann man durchaus als symptomatisch für die flugbegeisterte Jugend in Strausberg und anderswo ansehen. Unter allen Umständen sollte der Nachwuchs für die Luftwaffe gesichert werden.

Die B- und C-Prüfung für Segelflieger und die Ablegung des Luftfahrerscheins Klasse 1 auf dem Strausberger Flugplatz noch im Juli des Jahres 1944 durch Hans Brantl läßt sich hier durchaus einordnen. Der Abschluß seines Berichtes bestätigt das: "Als der Sommer des Jahres 1944 zur Neige ging, warf der Zusammenbruch des III. Reiches seine Schatten voraus. Der Segelflugbetrieb wurde eingestellt, weil Jagdflieger-Einheiten der Reichsverteidigung den gesamten Platz beanspruchten. Im Dezember 1944 kam das endgültige 'Aus' Segelflugausbildung. Ich wurde zur Luftwaffe eingezogen und hatte mich auf dem Fliegerhorst Pretzsch/Elbe zu melden. Das Kriegsende 1945 erlebte ich an der Westfront. 1948 wurde ich aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Es folgten Jahre des Hungers und der Entbehrung. 1954 flog ich kurzzeitig in Schönhagen (wie zuvor SG 38 und Baby IIB). Leider blieb es dabei. Und heute, nach einem halben Jahrhundert, wollte ich mit meinem Beitrag nur einen Teil von dem, was mich damals in Strausberg zur Fliegerei brachte, aufzeichnen und weitergeben".

 

Foto 1: Anweisung vor dem Start zur Hangflugschulung mit SG 38 und Gummiseilstart (Foto: H. Brantl)

 

Foto 2: Kurz vor dem ersten Windenstart 1942 auf dem Strausberger Fliegerhorst (Foto: H. Brantl)

 

Foto 3: Schulgleiter SG 38 im Windenschlepp (Foto: H. Brantl)