Folge 13 (2/4)

Alfred Friedrich - Flugpionier und Besitzer des Flugzeugreparaturwerkes in Strausberg (2/4)

Der erste Langstreckenflug Berlin-Paris-London-Berlin über eine Strecke von 2500 Kilometer im September 1913, bei dem der damals 22jährige Alfred Friedrich mit einem Passagier an Bord zweimal den Kanal überquerte, stellte in jenem Entwicklungsabschnitt der internationalen Luftfahrt eine enorme Leistung dar. Sie wurde dementsprechend auch gewürdigt. Der Schirmherr der deutschen Fliegerei jener Zeit, Prinz Heinrich von Preußen, bezeichnete diesen Flug als „Einleitung eines kommenden internationalen Flugverkehrs" und der Kaiser verlieh ihm das neu gestiftete Verdienstkreuz in Silber.

Ein halbes Jahrhundert später, am 6. September 1963, wurde der inzwischen 72jährige Alfred Friedrich aus Anlaß des 50. Jahrestages dieses epochalen Fünf-Länder-Fluges mit Ehrungen überhäuft. So lud ihn unter anderem die französische Luftverkehrsgesellschaft Air France zu einem Erinnerungsflug mit einer Caravelle über die gleiche Strecke ein, die Friedrich vom 05.-20. September 1913 mit der Etrich-Taube bewältigt hatte. Am 22. November 1963 wurde ihm in Paris im Namen des Präsidenten der Französischen Republik als erstem Deutschen und erstem Ausländer nach Charles Lindbergh, der am 20./21. Mai 1927 zum erstenmal im Alleinflug den Atlantischen Ozean in 33,5 Stunden von New York nach Paris überquerte, die höchste französische Luftfahrtauszeichnung „Médaille de L'Aeronautique" verliehen. Auch sein Flugzeug, die berühmte und von ihm so geliebte Etrich-Taube erlebte 23 Jahre nach dem Flug eine Auferstehung. Er baute sie in seinem Strausberger Flugzeugreparaturwerk nach und flog sie ein. Sie trug die Kennzeichnung D-EFRI und konnte von der Weltöffentlichkeit auf dem Internationalen Großflugtag 1936 in Berlin-Tempelhof im Rahmen der Olympischen Spiele bestaunt werden.

Doch nun wieder zurück zu Alfred Friedrichs Werdegang als Flieger. Ab 1. April 1914 war er Chefpilot bei den Rumpler-Werken in Joachimsthal. Im Juni 1914 unternahm er einen Balkan-Flug, um in Bulgarien deutsches Flugmaterial vorzuführen. Dieser Flug Berlin-Sofia setzte Friedrichs große Streckenflüge. Aufsehen erregte auch sein Flug Sofia-Bukarest, der gleichzeitig die erstmalige fliegerische Überwindung des Balkangebirges mit einem Fluggast an Bord darstellte. Dieser Balkanflug wurde jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen. Überhaupt stellt dieses schicksalhafte Ereignis eine entscheidenden Zäsur sowohl für die flugtechnische Entwicklung jener Zeit als auch für Friedrich persönlich dar. Der Krieg ließ jeden Gedanken zur Entwicklung des Luftverkehrs, der durch Alfred Friedrichs erste Überland-, Übersee und Übergebirgs-Flüge so viel Auftrieb erhalten hatte, weit zurücktreten. Der Sport- und zivile Verkehrsflieger selbst mußte rückte in die Armee als Vertragsangestellter ein - eine Luftwaffe gab es damals noch nicht. Erst später erhielt er einen militärischen Dienstgrad. Anfangs flog er in der Feldfliegerabteilung 14 und kam im September 1914 bei der Tannenberg-Schlacht in Ostpreußen als Aufklärungsflieger zum Einsatz. Für seine Frontflüge im Westen und im Osten erhielt Alfred Friedrich frühzeitig beide Eisernen Kreuze und wurde zum Leutnant der Reserve befördert.

Am 1. August 1915 erfolgte seine Versetzung als Leiter der Geschwaderausbildung nach Döberitz. Durch seine Schule gingen hier u.a. die Jagdflieger Oswald Boelke und Manfred von Richthofen. Am 1. Januar 1916 wurde Leutnant der Reserve Friedrich beurlaubt, um in der bulgarischen Armee als Instrukteur Piloten auszubilden. Vom Sommer 1916 bis zum Kriegsende war Alfred Friedrich Werkspilot und Einflieger bei den Albatros-Werken in Berlin Johannisthal. Er gründete nach dem Krieg ein Ingenieurbüro, bevor er sich wieder der Sportfliegerei zuwandte. In den zwanziger Jahren galt sein Interesse vornehmlich dem Leichtflugzeugbau, der vor allem dank der Entwicklung von Sport- und Schulflugzeugen einen Aufschwung erfuhr. Insbesondere Klemm in Deutschland und De Havilland (DH) in Großbritannien leisteten dazu die wichtigsten Beiträge. Die DH 60 „Moth" (Motte) - Jungfernflug 1925 - zählte gegen Ende der zwanziger Jahre zu berühmtesten Sportflugzeugen der Welt. Alfred Friedrich hat diesen Flugzeugtyp durch seine excellenten Vorführungsflüge auch in Deutschland populär gemacht. Er leitete seit 1926 die deutsche Niederlassung der De Havilland Aircraft-Corporation in Berlin-Tempelhof. Dabei waren ihm seine Sprachkenntnisse von großem Vorteil. Friedrich sprach französisch, englisch und bulgarisch.

Nach der Machtergreifung durch Hitler gründete Alfred Friedrich 1934 in Strausberg sein Flugzeugreparaturwerk für Leichtflugzeuge, um als selbständiger Unternehmer - wie Clemens Bücker in Rangsdorf, mit dem er eng kontaktierte - einen eigenen Beitrag für den Schul- und Sportflugzeugbau zu leisten. Für Flugzeige dieser Gattung war insbesondere im Berliner Raum ein großer Instandsetzungsbedarf entstanden. Versuche des damaligen Reichsluftfahrtministeriums, Friedrich als erfahrenen Weltkriegsflieger für eine führende Position in der noch 1933/34 geheimgehaltenen Luftwaffe zu gewinnen, fand bei ihm keinen Anklang.

Statt dessen wurde die von ihm errichtete Werkstätte in Strausberg zu einem der ersten Reparaturbetriebe für einmotorige Schul- und Sportflugzeuge in Deutschland, vor allem für Flugzeuge der Firmen Bücker, Klemm und auch Heinkel.

Schon kurze Zeit nach der Werkseröffnung im Jahre 1935 gelang es Alfred Friedrich zusammen mit seinem Bruder Hermann, der zugleich kaufmännischer Leiter war, und dank der hervorragenden Strausberger Facharbeiter, den guten Ruf als Flugzeuginstandsetzungsbetrieb landesweit zu begründen. Über 250 Beschäftigte fanden bei den Friedrichs in dieser schweren Zeit Massenarbeitslosigkeit eine qualifizierte Erwerbsmöglichkeit. Seine ruhige, freundliche und sachliche Art sowie seine Ausstrahlungskraft als Flieger und Techniker sorgten nach Aussagen ehemalige Mitarbeitern für ein angenehmes Betriebsklima. Noch heute sprechen sie vom „Familienbetrieb Gebrüder Friedrich".

 

Foto 1: Alfred Friedrich als Leutnant der Reserve im Ersten Weltkrieg (Sammlung Bukowski)

 

Foto 2: Von Alfred Friedrich anläßlich des 50. Jahrestages seines Fünf-Länder-Fluges verschickte Postkarte. Eine solche erhielt 1963 auch die Strausbergerin Helene Schirmeister, die von 1938-1945 als Samariterin im Werk tätig war. (Sammlung Schirmeister)

 

Foto 3: Alfred Friedrich (r.) und sein Technischer Leiter Spindler (Mitte) vor einem Nachbau des Fokker-Dreideckers in Strausberg 1938 (Sammlung Reinhold)