Folge 13 (3/4)

Alfred Friedrich - Flugpionier und Besitzer des Flugzeugreparaturwerkes in Strausberg (3/4)

Wie bereits berichtet, gründete Alfred Friedrich im Jahre 1934 sein Flugzeugreparaturwerk in Strausberg am südlichen Ende der Hegermühlenstraße, nachdem er zuvor das dortige stillgelegte städtische Elektrizitäts- und Wasserwerk als „in geradezu ausgezeichneter Weise für sein Vorhaben" beurteilt und von der Stadt die Zusicherung für den Erwerb der Liegenschaft erhalten hatte. Man kann davon ausgehen, daß vor allem die vorteilhafte Lage in der Nähe zu Berlin, der vorhandene unmittelbare Bahnanschluß, die gut erhaltene Bausubstanz sowie das zur damaligen Zeit unbebaute Umfeld die Standortwahl begünstigt haben. Der einzige Mangel war damals der schlechte Zustand der Zufahrt zur Hegermühlenstraße, den Alfred Friedrich aber schon bald durch den Bau einer Granitpflasterstraße veränderte.

Zu einem Flugzeugwerk gehört natürlich ein geeigneter, möglichst betriebsangegliederter oder zumindest betriebsnaher Werksflugplatz. Ein solcher war in der Hegermühlenstraße nicht vorhanden. Das war allerdings kein Nachteil, denn die leichten Schulflugzeuge ließen sich problemlos durch die Straßen Strausbergs in Richtung Norden transportieren. Hier hatte die Stadtverwaltung an der Prötzeler Chaussee ein trockenes und ebenes Gelände als Werksflugplatz angeboten, das bislang von dem städtischen Wanderarbeitsheim als Ackerland zu Ausbildungszwecken genutzt wurde. Da man für die erforderliche Montagehalle und das Einfliegen von Leichtflugzeugen nur ein Gebiet von 300 x 500 Meter benötigte, war es durchaus als Werksflugplatz geeignet. Noch im Jahre 1935, ein Jahr nach Erwerb dieses Grundstückes, begann Friedrich mit dem Bau einer modernen Endmontagehalle in den Ausmaßen 30 x 50 Meter, etwa auf dem Platz, wo sich heute der S-Bahnhof Strausberg Nord befindet. Die Halle selbst wurde im Jahre 1946/47 demontiert. Im Jahre 1935 ließ Alfred Friedrich durch Umbau des bereits genannten ehemaligen Elektrizitätskraftwerkes u.a. jenes Gebäude mit Büros und der Werkhalle entstehen, das noch heute erhalten ist. Zu weiteren Vervollkommnung der bereits begonnenen Werkstattarbeit wurden weitere Bauwerke errichtet, so u.a. im Osten parallel zum Hauptgebäude eine Lagerhalle der „Gesellschaft für Luftfahrtbedarf GmbH", die für die Ersatzteilversorgung zuständig war. 1939 wurde das Hauptgebäude durch einen Anbau an der südlichen Stirnseite erweitert, um die Bedingungen für die Montage- und Spritzarbeiten zu verbessern. Durch diese Rekonstruktionsmaßnahmen wurde es möglich, die per Eisenbahntransport eintreffenden reparaturbedürftigen Flugzeuge bis an die Hallentore der neuen Werkhalle (Westseite) zu transportieren. Hier wurden sie über eine Rampe entladen und in die Halle befördert.

Ursprünglich war das Flugzeugreparaturwerk für einen Produktionsauftrag von rund 360 Maschinen im Jahr (ca. 30 im Monat) bei einer Belegschaftsstärke von ca. 250 Arbeitskräften ausgelegt. In den ersten Kriegsjahren stieg jedoch die monatliche Ausbringung an instandgesetzten Schulflugzeugen rasant auf bis 45 an. Die mehr handwerklichen Produktionsmethoden und die begrenzte Werkstattkapazität verhinderten größere Instandsetzungszahlen. Dennoch erhöhte sich die Beschäftigtenzahl auf 356 zu Beginn des Jahres 1944. Unter ihnen befanden sich 39 ausländische Zwangsverpflichtete, vorwiegend aus Belgien und Holland; sowie 37 Kriegsgefangene. Die Bezeichnung Flugzeugreparaturwerk erweist sich allerdings beim genauen Hinschauen als wenig zutreffend, denn in Wirklichkeit wurden die Maschinen allesamt, angefangen von zunächst einmotorigen Schulflugzeugen und später auch von Flugzeugen der Luftwaffe einer Generalinstandsetzung unterzogen. Hierfür kamen nur Havarie-Flugzeuge in Betracht, deren Schaden 40% nicht überstieg. Unter Bauaufsicht des Reichsluftfahrtministeriums zerlegten die Strausberger Flugzeugbauer die Maschinen total in ihre Einzelteile, schlachteten die regenerierbaren Teile aus, tauschten ganze Baugruppen aus und setzten sie danach wieder zusammen, so daß ein fast neues Flugzeug entstanden war. Diesen Arbeiten folgte der Transport jedes einzelnen Flugzeuges per Straße zur Endmontagehalle. Und so bot sich mehr als zehn Jahre lang den Strausbergern tagtäglich folgendes Bild: Ein LKW schleppte das Rumpfwerk (teilweise noch ohne Luftschraube) an dem auf der Pritsche befestigten Heckrad und ein zweites Fahrzeug folgte mit dem Tragwerk. Dieser Konvoi fuhr die Hegermühlenstraße entlang und dann über die Elisabeth-, Große und Wriezener Straße bis zum Werksflugplatz, auf dem sich an der Prötzeler Chaussee die Endmontagehalle befand. Hier wurden die Flugzeuge startklar gemacht. Das Herausrollen zur Vorstartlinie, Warmlaufenlassen und Abbremsen besorgten Flugzeugtechniker, die über eine sogenannte Rollgenehmigung verfügten. Das Einfliegen der Flugzeuge nahmen entweder Werkseinflieger vor oder Vertreter der Flugzeugwerke Bücker bzw. Klemm und oftmals auch der Technische Leiter, Herr Spindler. Wenn es Schwierigkeiten mit den Motoren gab, löste Gustav Flick - einst Luftschiffer in Johannisthal, später Kfz- Werkstatt-Inhaber in Strausberg - jedes Rätsel. Als Ein- und Überführungsfliegerin bei Friedrich war übrigens auch Beate Uhse tätig, bekannt in jener Zeit als „Schlosser-Max". Sie absolvierte von 1941 an rund 700 Starts auf dem Werksflugplatz. Der ausgerufene „Totale Krieg" bezog letztendlich auch das kleine Werk von Alfred Friedrich mit ein. Im Jahre 1944/45 sollte mit der Instandsetzung des seinerzeit in Serie befindlichen schnellsten Abfangjägers der Welt, des Raketenjägers Me 163 „Komet", die Belegschaft helfen, das Kriegsglück noch zu wenden. Mit diesem Flugzeugtyp war im Sommer 1944 das bei der Reichsluftverteidigung eingesetzte und in Brandis/Leipzig, Salzwedel und Stargard/Pommern stationierte Jagdgeschwader 400 (JG 400) ausgerüstet worden. Allerdings stellte das Landen dieser Maschine, das mit hoher Geschwindigkeit auf einer Kufe erfolgte, hohe Anforderungen an die Piloten. Dabei gab es sehr häufig Bruch. Entsprechend hoch war das Reparaturaufkommen. Unter strengster Geheimhaltung wurde auf dem Werksgelände von Friedrich eine weitere Halle errichtet und die Reparaturarbeiten an der Me 163 ausgeführt. Die Flugzeuge wurden getarnt per Schiene angeliefert und verließen ebenso das Werk in Richtung Flugplatz Oranienburg. Das alles verlief mit großen Schwierigkeiten. Fehlende und ungenaue Ersatzteile, nicht vorhandene Transportkapazität ließen die Reparaturen zur Farce werden. Die Versorgung brach schließlich ganz zusammen und das JG 400 wurde aufgelöst. Ebenso verhielt es sich bei der Instandsetzung von Schulflugzeugen. Durch die Auflösung von Flugzeugführerschulen wurden auch keine Schulflugzeuge mehr benötigt. Überliefert ist, daß als einziges Baumuster in Strausberg bis Februar 1945 nur noch die Bü 181 Bestmann instandgesetzt wurde. Sie soll in den letzten Kriegstagen sogar noch mit Panzerfäusten ausgerüstet und zur Bekämpfung von Fahrzeugen eingesetzt worden sein.

Auf Befehl mußte im Februar 1945 die Stammbelegschaft, darunter auch Frauen, nach Ruppertsgrün bei Zwickau zur Flugzeugfirma Gustav Besser KG verlegen. Die Kenntnis über diese Verlegung und die Rückkehr der Strausberger in ihre Heimatstadt verdanken wir einer beherzten Bürgerin unserer Stadt, Helene Schirmeister, die über jene Ereignisse ein genaues Tagebuch geführt hat.

Die Betriebsanlagen der Firma Friedrich ließ die Sowjetische Militäradministration nach dem Kriegsende demontieren und als Reparationsleistung abtransportieren. Das Werksgelände selbst wurde bis 1992 von einer Einheit der Sowjetarmee/GUS-Streitkräfte bis 1992 militärisch genutzt.

 

Foto 1: Foto aus dem Jahre 1938. Es zeigt das ehemalige städtische Elektrizitätswerk (ab 1904) und Wasserwerk (ab 1910). Von 1934-1945 Flugzeugreparaturwerk Alfred Friedrich (Sammlung A. Dengel)

 

Foto 2: Blick in die Flugzeugtischlerei der Firma Friedrich. Im Bild Alfred Dengel (1908-1989) aus Strausberg. (Sammlung A. Dengel)

 

Foto 3: Die Bücker 181 „Bestmann" wurde von den Flugzeugführerschulen als Schulflugzeug verwendet und bis Februar 1945 im Werk von Friedrich instandgesetzt (Sammlung Zundel)

 

Foto 4: Die Me 163 „Komet", die 1944/45 zum streng geheimen Reparaturprogramm des Friedrich-Werkes gehörte (Sammlung Bukowski)