Folge 13 (4/4)

Alfred Friedrich - Flugpionier und Besitzer des Flugzeugreparaturwerkes in Strausberg (4/4)

Ein Zeitdokument aus jener Zeit Die letzte Folge endete mit dem Hinweis, daß wir die Kenntnisse über die Verlagerung des Flugzeugreparaturwerkes Alfred Friedrich in den letzten Kriegswochen einer ehemaligen Strausberger Bürgerin verdanken, die über diese Zeit ein genaues Tagebuch geführt hat. Es war Helene Schirmeister, die von 1938 an als Samariterin im Werk tätig war. Hier Auszüge aus ihrem Tagebuch, die zugleich ein Bild von den letzten Kriegstagen in Strausberg vermitteln. (In Klammern ergänzende Darstellungen der Autoren):

1. Februar 1945 „Die vergangene Nacht mußten wir mit viel Aufregung im Werk verbringen, um für eine eventuelle Verlegung bereit zu sein. Meine Koffer mit Verbandsmaterial stehen griffbereit, und die Fahrzeuge sind für eine 300-Kilometer-Fahrstrecke aufgetankt. Die Arbeit ruht, und keiner weiß, was wird und wohin es gehen soll." (Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee auf einer Front von 500 Kilometer an der Oder. Die westlichen Alliierten waren bis zum Rhein vorgestoßen.)

3. Februar 1945 „Von der Oderfront hört man ununterbrochen Kanonendonner. Heute war zweimal Fliegeralarm. Das an- und abschwellende Heulen der Sirenen riß jedesmal brutal an den strapazierten Nerven. Die Luftangriffe galten alle der Hauptstadt. Bis in die Morgenstunden blieb der Himmel über Berlin glutrot." Wieder war ein Tag vergangen, der uns dem Kriegsende näherbrachte." (Am 3. Februar 1945 erlebte Berlin den schwersten Tages-Luftangriff des Zweiten Weltkrieges - 4827 Opfer und 120000 Obdachlose.)

14. Februar 1945 „Geplagt von schlaflosen Nächten, schweren Träumen und Erschöpfung, habe ich seit zehn Tagen kein Tagebuch geführt. In Strausberg werden Panzersperren gebaut. In der letzten Zeit wurde bei Friedrich nur noch verkürzt gearbeitet. Seit heute ist eine neue Unruhe im Betrieb eingetreten: Sämtliche Schlosser haben ihr Werkzeug abgegeben. Morgen sollen wir Näheres erfahren. Was wird werden? Fragen türmen sich zu Bergen."

17. Februar 1945 „Seit gestern hören wir wieder Trommelfeuer von der Oderfront. Die Front rückt immer näher. Ob wir die Heimat behalten werden? Heute sind 115 Kollegen entlassen worden. Was aus uns wird, wissen wir nicht. Die Betriebsleitung hüllt sich in Schweigen." (Ein Führererlaß legte fest, aus den Belegschaften von geschlossenen Betrieben Volkssturmabteilungen zu bilden.)

23. Februar 1945 „Heute hat sich das Schicksal entschieden. Wir sind alle dienstverpflichtet worden und müssen den Betrieb verlassen. Es geht nach Sachsen zur Flugzeugfirma Gustav Basser in Ruppertsgrün bei Zwickau. Keiner geht mit frohem Mut, alle warten auf ein Wunder, das das Schicksal wenden möge. Mich plagt schon im voraus das Heimweh."

28. Februar 1945 „Heute früh um 7.00 Uhr war die Abfahrt. Wir sind 45 Personen, darunter 11 Frauen. Nachdem wir zwei Stunden auf der Autobahn gefahren waren, gab es die erste Warnung vor Tieffliegern. Bis Leipzig zählten wir über 50 Fahrzeuge, die durchsiebt oder zerstört auf der Autobahn lagen. Das war furchterregend. Abends gegen ½ 10 Uhr erreichten wir Leipzig. Wieder Fliegeralarm. Unsere Kolonne schlich im Schutz der Dunkelheit weiter. Leipzig - rechts von uns - stand in Flammen. Morgens um ½ 5 Uhr trafen wir nach mehreren Pannen in Ruppertsgrün ein. Von hier aus konnten wir Bassers Betrieb überblicken: Das umliegende Gelände war wie umgepflügt - die Spuren eines Bombenangriffs waren noch frisch - aber die Werkhallen standen noch."

7. März 1945 „Heute kam es zur ersten Zusammenkunft aller Strausberger. Alles schimpfte und wollte nach Hause. ,Wir müssen uns schä men, daß wir Familie und Heimat in Stich gelassen haben!` oder ,Die Esserei ist eine Katastrophe, keine Kartoffeln, jeden Tag Kohlrüben!` und vieles andere kam in der Debatte hoch. Ein Vollalarm beendete den heftigen Streit. Gott sei Dank gab es kein Nachspiel."

26. März 1945 „Heute sind vier Wochen vergangen. Das Leben wird immer unerträglicher. Die ewige Ungewißheit läßt mich nicht zur Ruhe kommen ..." 30. März 1945 „Karfreitag. Es gab zu Mittag Eisbein, das heißt, genauer gesagt, die Soße davon. Dazu mußte jeder 50 Gramm Fleisch- und 20 Gramm Fettmarken abgeben." (Die Lebensmittelrationen für April werden nochmals gekürzt auf 1700 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch, 125 Gramm Fett und Zucker pro Person und Woche.)

13. April 1945 „Die Front rückt immer näher. Es wird nur noch Tage dauern, dann sind wir von der Heimat abgeschnitten. Ich bin entschlossen, mit dem Fahrrad heim zu fahren. Deshalb habe ich die Betriebsleitung gebeten, mich nach Hause zu entlassen. Sie hat es abgelehnt." (Am 16. April 1945 stehen die Briten im Norden an der Elbe, und die Amerikaner stoßen über Darmstadt bis Eisenach vor.)

14. April 1945 „Was mir tags zuvor versagt blieb, wurde mir heute mühelos gewährt: Die `Fahrbescheinigung', die man als Dienstverpflichtete für Kontrollen (Passierschein) und Behörde (Lebensmittelkarte) unbedingt benötigte. Wir rollten zu fünft - obwohl zu vorgerückter Stunde - per Fahrrad los, denn wir wollte keine Zeit versäumen. Als wir von Ortskundigen darauf aufmerksam gemacht wurden, daß wir eine völlig falsche Richtung gefahren sind, war die Enttäuschung groß. Die hereinbrechende Dunkelheit zwang uns erst einmal zum Anhalten und Übernachten".

15. und 16. April 1945 „Heute hatten wir Glück. Zielstrebig über Aue und Schwarzenberg gelangten wir nach Annaberg, und hier konnten wir - es ist unglaublich - einen Zug erwischen, der nach Norden fuhr. Nach einer Reise mit Hindernissen und Beschwerden kamen wir am nächsten Morgen um ½ 4 Uhr unter dem Schutze der Dunkelheit in Berlin an. Ich trat sofort in die Pedalen, denn ich wollte schnell nach Hause". Um ½ 12 Uhr - ich war gerade in meiner Wohnung Große Straße 68 eingetroffen und beim Frischmachen - krachte es fürchterlich. Scheiben und Fensterrahmenteile flogen ins Zimmer. Volltreffer im Nebenhaus. Die Hoffnung, die Heimat in Ruhe zu sehen war dahin." (16. April 1945: Beginn der sowjetischen Offensive an der Oder zur Eroberung Berlins.)

17. April 1945 „Als es Tag wurde, jagte wieder ein Angriff den anderen. Ich war entschlossen, mich dem Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen, um Verwundeten zu helfen. Ich ergriff Koffer, Brotbeutel, Wolldecke und Fahrrad und wollte ins Lazarett, das in der Schule/Hegermühlenstraße eingerichtet worden war. Aber ein Verlassen des Hauses, ohne ins Feuer von Tieffliegern zu geraten, war unmöglich geworden. Von nun an kam ich nicht mehr aus dem Luftschutzkeller. Überall hörte man Einschläge; der jenseits des Straussees brannte lichterloh. Mir wurde klar, daß die Stadt bald geräumt werden wird. Abends gegen 20.00 Uhr wurde bekannt, daß alles raus muß." (17. April 1945: Blutiges Ringen um den Abwehrriegel Seelower Höhen.)

19. April 1945 „Schweren Herzens und voller Angst fuhr ich vor Anbruch des Tages - nur mit dem Nötigsten versehen - nach Westen in eine ungewisse Zukunft." (19. April 1945: Sowjetische Panzerspitzen erreichen Müncheberg.)

 

Bild 1: Der Werksausweis von Helene Schirmeister.