Beate Uhse - Einfliegerin im Flugzeugreparaturwerk Alfred Friedrich Strausberg 1941-1944 Der Name Beate Uhse wird heute in der Regel in einem anderen Zusammenhang genannt. Den Autoren steht es nicht zu, über diesen Lebensabschnitt in den zurückliegenden fünfzig Jahren dieser Frau zu urteilen. Uns interessiert vielmehr die begeisterte Fliegerin Beate Uhse, die mehr als drei Jahre in Strausberg für das Flugzeugreparaturwerk Alfred Friedrich als Einfliegerin tätig war und somit ein Stück Fluggeschichte dieser Stadt mitgeschrieben hat. Ihre Flugleidenschaft begann bereits 1928, als sie neun Jahre alt war. Zwei junge Flieger baten damals um die Genehmigung, eine Wiese des elterlichen Gutes Wargenau bei Cranz an der Ostseeküste des ehemaligen ostpreußischen Samlandes als Start- und Landebahn nutzen zu dürfen. Sie wollten von dort aus für die Badegäste Rundflüge unternehmen. Als das junge Gutsfräulein Beate Köstlin zum ersten Mal mitfliegen durfte, war sie von Wunsch, Pilotin zu werden, nicht mehr abzubringen. Mit der ihr eigenen Zielstrebigkeit schaffte sie es auch. Auf der Fliegerschule Rangsdorf bei Berlin war sie unter 60 Flugschülern die einzige Frau. An ihrem 18. Geburtstag lag der soeben erworbene A2-Schein für Motorflugzeuge auf ihrem Gabentisch im elterlichen Wargenau. Beate Köstlin hatte die erste Hürde zur Pilotin überwunden. Ihr nächstes Ziel bestand nun darin, Einfliegerin zu werden. Eine Praktikantenstelle bei den Bücker-Flugzeugwerken ebnete ihr dazu den Weg. Zwischendurch machte sich die junge Fliegerin bei Wettbewerbsflügen einen Namen. Beim „Zuverlässigkeits-Flug 1938" für Pilotinnen gewann sie den 1. Platz. Bei einer Flugrallye in Belgien vertrat sie Deutschland zusammen mit zwei weiteren Privatpiloten und drei Flugzeugführern der Luftwaffe und konnte das Luftrennen in ihrer Klasse gewinnen. Als Japan bei den Bücker-Flugzeugwerken 90 Maschinen des Typs Bücker 131 „Jungmann" bestellte und diese per Schiff überführt wurden, reisten auch sieben Werksangehörige mit, unter ihnen der Chefpilot. Den Bücker-Werken fehlte dadurch ein Einflieger. Beate mußte einspringen - da war sie gerade 19 Jahre alt! Und sie ließ keine Gelegenheit zu weiteren Flügen aus. Als Stunt-Mädchen flog sie für den Ufa-Film „Wasser für Canitoga", in einem anderen Film mußte sie René Deltgen in einer Bücker 180 doubeln, und schließlich lag sie in einer einsitzigen Bücker 133 „Jungmeister" ihrem Filmidol Hans Albers buchstäblich zu Füßen, als sie ihn - natürlich nicht sichtbar - an der Filmkamera vorbeirollen mußte. Blindflug kannte sie, aber „Blindrollen" war für sie neu. Beate hatte in Fliegerkreisen plötzlich einen Namen. In Rangsdorf gab ihr der Fluglehrer Hans-Jürgen Uhse den letzten fliegerischen Schliff. Er wurde zu Beginn des 2. Weltkrieges ihr Ehemann. Zwischen zwei Einflugaufträgen rannte die junge Fliegerin, begleitet von einem Meister und einem Monteur als Trauzeugen, schnell mal eben zur Kriegstrauung. Als Hochzeitsmahl gab es in der Werkskantine Erbsensuppe und Bier. Eines Tages wurde sie von Alfred Friedrich aus Strausberg angesprochen. „Hören Sie mal", sagte er, „ich habe da eine kleine Firma bei Berlin. Wir fertigen an 45 Maschinen vom Typ Moran. Hätten Sie nicht Lust, bei mir als Einfliegerin anzufangen?" Und natürlich hatte sie. Hier bekam Beate Uhse ihr ersten Einfliegergehalt. Es waren 1500 Mark im Monat, gegenüber 132 Mark, die sie als Praktikantin bei Bücker verdient hatte. Ihre zukünftigen Kollegen der Firma Friedrich betrachteten sie von Anfang an nicht als weiblichen Eindringling in eine Männerdomäne, sondern man nannte sie - wie bereits zuvor in Rangsdorf - „Maxe" oder auch „Schlosser-Maxe". In Strausberg halfen ihr die bei der Firma Bücker gesammelten Einflugerfahrungen, schnell zu Ansehen zu gelangen. Sie rollte von nun an von Start zu Start. Auf ihren Knien lag ein Block verzeichneter Kriterien, die zu überprüfen waren: Drehzahl in 1000 Meter Höhe, in 2000 Meter Höhe, Geschwindigkeit, Öldruck, Querruder-Einstellung, Trimmung, Spritverbrauch usw. Um die Leistungen dieser jungen Frau als Pilotin hervorzuheben, sei darauf verwiesen, daß ein Einfliegen von generalüberholten Maschinen mit erhöhten Gefahren verbunden war, denn der Einflieger brachte das meist im hohen Maße mit neuen Bauteilen aufgerüstete Flugzeug zum erstenmal wieder in das ihm eigene Element. Fehlerquellen, die zum Absturz führen konnten, waren trotz sorgfältiger Instandsetzungs-, präziser Montage- und Gütekontroll-Arbeiten nicht auszuschließen. Wenn feststand, daß mit dem generalüberholten Flugzeug die zulässigen Geschwindigkeiten in Normallage ohne Beanstandungen geflogen werden konnten, mußte zum Beispiel, da es sich hier um kunstflugtaugliche Schulflugzeuge handelte, die Überprüfung für alle anderen, schwierigen Fluglagen wie Rückenflug, Drehen um die Längsachse, Loopings und Sturzflug fortgesetzt werden. Die Fehler festzustellen, verlangte vom Einflieger scharfe Beobachtungsgabe. Beate Uhse nahm im Jahr 1944 ein Angebot der Luftwaffe an und tat seit März als Flugzeugführerin im Überführungsgeschwader Mitte Berlin-Tempelhof Dienst. Dort brachte sie zu Beginn Übungsflugzeuge zu den Fliegerschulen, später schulte sie auf Frontflugzeugtypen um und flog Messerschmitt Me 109 und Me 110, Focker Wulf Fw 190, Junkers Ju 87 und andere zu den Frontverbänden. Insgesamt verzeichnet ihr Flugbuch, das uns Beate Uhse freundlicherweise in Auszügen zur Verfügung stellte, 1898 Flüge. Als Flug Nummer 1895 (Datum 19.04.1945) ist sogar ein fünfzehnminütiger Schulungsflug mit einem Fluglehrer auf dem Messerschmitt-Doppelsitzer Me 262 vermerkt, der bekanntlich von zwei Strahlturbinen angetrieben wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Beate Uhse, die im Range eines Hauptmanns der Luftwaffe flog, schon elf Monate Witwe. Ihr Ehemann Hans-JürgenUhse, ebenfalls Hauptmann der Luftwaffe, verunglückte beim Start zu einem Nachteinsatz. Die letzten drei Flüge von Beate Uhse bei der Luftwaffe kann man im höchsten Maße als abenteuerlich bezeichnen. Gleichzeitig zeugen sie aber auch von der Verantwortung der jungen Mutter für ihren Sohn Klaus, der damals etwa zwei Jahre alt war und in der Zeit, in der sie flog, vom Kindermädchen Hanna betreut wurde. Beide holte sie aus ihrem Haus in Rangsdorf, um sich gemeinsam nach Gatow durchzuschlagen. Ringsum verlief bereits die Front. In Gatow traf sie einen Mechaniker ihres Überführungsgeschwaders. Dieser wußte, wo noch eine Siebel Fh 104 stand. Irgendwie gelang es dem Mechaniker, sie wieder flott zu machen. Dem Kampfkommandanten schwatzte Beate Uhse 120 Liter Benzin ab, indem sie versprach, zwei Verletzte mitzunehmen. Einheiten der Roten Armee hatten zu diesem Zeitpunkt bereits den nahen Wald des Flugplatzes erreicht. Sie beschlossen, noch im Dunkeln zu starten. Währen der Mechaniker noch reparierte, lief sie die Startbahn ab und prägte sich die Löcher und Krater sowie Distanzen ein. Am Morgen des 22.04.1945, um 5.55 Uhr versuchten sie ihr Glück. Die Maschine war total überladen. Kurz nach dem Abheben wurden sie aus einem Maschinengewehr beschossen. Es traf aber nur die Verkleidung des Fahrwerkes. Sie gewannen nur langsam an Höhe. Dennoch schafften sie es, aus dem bereits eingekesselten Berlin zu entkommen und zählten vermutlich mit zu den Letzten, die mit einem Flugzeug Berlin verlassen haben. Sicher setzte Beate Uhse nach 55 Minuten auf dem Flugplatz Barth in Mecklenburg-Vorpommern zur Landung an. Travemünde und Leck waren die letzten Landeplätze von Hauptmann Beate Uhse. In Leck kam sie in britische Gefangenschaft. Zum Flugplatzfest am 10. und 11. September 1994 folgte sie einer Einladung von Bürgermeister Jürgen Schmitz zum Besuch ihrer einstigen Wirkungsstätte als Einfliegerin. Nach fünfzig Jahren kehrte sie zu dem Flugplatz zurück, auf dem sie ca. 700 Starts und Landungen absolviert hatte. Foto 1: Beate Uhse als Einfliegerin zu Beginn des 2. Weltkrieges. (Sammlung Beate Rotermund-Uhse) Foto 2: Nach 50 Jahren wieder auf dem Flugplatz Strausberg anläßlich des Flugplatzfestes 1994. (Sammlung MOZ) Foto 3: Beate Uhse war - und ist heute noch - eine begeisterte Fliegerin. (Sammlung Beate Rotermund-Uhse)
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