Folge 17

Von der „Streustaffel" bis zur Navigationsschule Strausberg der Luftwaffe

Die erste fliegende Einheit, die, abgesehen vom kurzzeitigen Aufenthalt der Jagdflieger zu Beginn des Krieges, im November 1939 fest in Strausberg stationiert wurde, war eine sogenannte „Streustaffel". Es handelte sich hierbei um eine Flieger-Forstschutzstaffel, die dem „Kommandeur der Gruppe Schädlingsbekämpfung" unterstellt war. Mit zwei Flugzeugen vom Typ Junkers W33 und Dornier Do 23 S diente diese Staffel als „chemische Keule" gegen Forstschädlinge im Wriezener Waldgebiet. Inzwischen war der Ausbau des Flugplatzes soweit vorangeschritten, daß ab 22. November 1939 die Verlegung der Ergänzungs-Aufklärungsgruppe des Generals der Luftwaffe beim Oberbefehlshaber des Heeres befohlen werden konnte. In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember traf das dazugehörige Vorauskommando in Stärke von 5 Offizieren, 46 Unteroffizieren und 105 Mannschaften aus Reichenberg (Sudetengau) in Strausberg ein. Bereits ab 10. Dezember 1939 zählte diese Aufklärungseinheit 38 Offiziere. 219 Unteroffiziere und 169 Mannschaften. Sie war in zwei Staffeln von je 12 Flugzeugen und einen Gruppenstab (4 Flugzeuge) sowie eine Technische Kompanie gegliedert. Geflogen wurde die Do 17 (Version: Aufklärungsflugzeug).

Am 1. November 1939 wurde die Luftwaffen-Baukompanie 12/III aufgelöst und an ihrer Stelle die Luftwaffen-Baukompanie 311 gebildet. Am 14. Dezember 1939 erfolgte eine Neubesetzung der Kommandostellen in Strausberg. An Stelle des bisherigen Fliegerhorstkommandanten Hauptmann von Roedern, der nach Gatow versetzt wurde, übertrug man Major Dr. Gambke, bisher Adlershof, die Kommandantur in Strausberg. Gleichzeitig wurde Hauptmann Kattner mit der Führung der Fliegerhorstkompanie beauftragt und Hauptmann Balk als Flugleiter eingesetzt. Zwei Tage zuvor hatte es den ersten tödlichen Flugunfall auf dem Strausberger Flugplatz gegeben. Am 12. Dezember 1939 war um 11.30 Uhr der Fluglehrer, Unteroffizier Schumann von der Flugzeugführerschule A/B 11 Schönwalde, die mit einer Flugschulgruppe zeitweilig den Strausberger Flugplatz zu Ausbildungszwecken nutzte, zu einem Wetterflug gestartet. Er sollte zwecks eventueller Aufhebung des Flugverbotes wegen Schlechtwetterlage die Höhe der Wolkendecke feststellen, da es in Strausberg zu dieser Zeit noch keine Wetterstelle gab. Nach zwei Platzrunden zog Schumann an der Nordseite des Flugplatzes die Maschine steil nach oben und verschwand in den Wolken. Kurz danach kam das Flugzeug senkrecht stürzend in einer Trudelbewegung aus den Wolken und schlug gegen 11.35 Uhr an der Nordseite des Flugplatzes auf. Unteroffizier Schumann wurde schwer verletzt aus den Flugzeugtrümmern geborgen und verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Hauptanstrengungen galten in jener Zeit nach wie vor dem weiteren technischen Ausbau und der Vollendung der Bauwerke des Fliegerhorstes. Im Zusammenhang mit der Stationierung der Aufklärungsfliegergruppe waren auf Befehl von Kesselring, General der Flieger und Chef der Luftflotte 1 (Berlin), am 28. November 1939 zehn Zimmerleute vom Flieger-Ausbildungsregiment 41 nach Strausberg versetzt worden. Am 11. Dezember folgte der Werkstattzug 3, und es wurde der Aufbau einer „Bildbaracke" zur Unterbringung der Flieger-Bildstelle für die Entwicklung und Auswertung von Luftaufklärungsfotos befohlen.

Wie aus einer Eingabe der Fliegerhorstkommandantur an den Flughafenbereich Döberitz vom 30. Dezember 1939 hervorgeht, waren am weiteren Ausbau des Strausberger Flugplatzes auch zahlreiche Privatunternehmen beteiligt. Im Ergebnis der erreichten Ausbaustufe wurde am 26. Dezember 1939 die Umwandlung der Behelfskommandantur in eine A-Kommandantur (Fliegerhorstkommandantur A (0) 28/III Strausberg) angewiesen. Um die Jahreswende 1939/40 be gann der Ausbau der erst im Rohbau fertiggestellten Unterkunftsblöcke zur Unterbringung der Kompanien, die der Fliegerhorstkommandantur direkt Unterstanden (Horst-, Stabs-, Versorgungs-, Kfz-, Luftnachrichten- und Technische Kompanie), sowie des jeweils anwesenden fliegenden und technischen Personals. Zwischen dem 1. Februar und dem 1. April 1940 wurden fünf der im Südosten der Garnison gelegenen Gebäudetrakte (jeweils Erdgeschoß und Obergeschoß) fertiggestellt, in denen 710 Mann untergebracht werden konnten. Zum Jahresbeginn 1940 erfolgte wiederum ein Wechsel der fliegenden Einheiten. So wurden im Januar die Ergänzungs-Aufklärungsgruppe und die Werft-Kompanie 11 von Strausberg nach Weimar-Nohra verlegt, und am 27. Februar verließ auch die „Streustaffel" den Strausberger Flugplatz. Offensichtlich sollte hier Platz für die Aufstellung von Kampfeinheiten geschaffen werden. In der Tat wurde Strausberg als Aufstellungsort der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 52 bestimmt. Dabei traten jedoch sowohl hinsichtlich des Personals und der vorgesehenen Jagdflugzeuge Me 109 Schwierigkeiten auf. Ursprünglich war die Aufstellung für den Zeitraum zwischen dem 8. Februar und 15. März 1940 vorgesehen. Das Vorkommando des Jagdgeschwaders traf jedoch erst am 21. Februar in Strausberg ein. Die Gruppe wurde im Schnellverfahren aufgestellt und im Schnellkurs ausgebildet. Bereits am 6. April wurde die Einheit nach Mannheim-Sandhofen verlegt. Im Juli 1940 nahm diese Gruppe des Jagdgeschwaders 52 von Frankreich aus an Einsätzen gegen England teil.

Wie wir aus dem Bericht von Herbert Mücke (siehe Folge 15) entnehmen konnten, waren diese Einsätze der in Strausberg aufgestellten Luftwaffeneinheit sehr verlustreich. Am 24. Juli 1940 verlor die III. Gruppe des Jagdgeschwaders 52 neben dem Gruppenkommandeur Hauptmann Wolf-Heinrich von Houwald auch die Staffelkapitäne Oberleutnant Herbert Fermer und Oberleutnant Lothar Ehrlich. Im Sommer 1940 fanden schließlich die Bauarbeiten auf dem Strausberger Flugplatz ihren Abschluß. Nach Fertigstellung waren u.a. folgende Bauwerke vorhanden: die Fliegerhorst-Kaserne, eine große Werft-Halle, vier mittlere Flugzeughallen, Kfz-Garagen, Werkstätten, Hauptlager sowie diverse Unterkunfts-Holzbaracken. Während die von deutschen Firmen erbauten Flugzeughallen an der Nordwestseite eine freitragende Stahl-Dachkonstruktion hatten (1947 demontiert), trug die an der Nordostseite gelegene, aus TRENCIN (Slowakei) stammende Halle einen Dachstuhl völlig aus Holz, der noch heute bei den Besuchern des Flugplatzes als ingenieurtechnische Leistung Aufsehen erregt. Wie auch aus amerikanischen Aufklärungsergebnissen in Form einer Flugplatzbeschreibung aus dem Jahr 1944 hervorgeht, vollzog sich nach 1940 keine weitere Bautätigkeit, ausgenommen der Bau von Unterständen und Flugzeugsplitterboxen sowie einer Ausbildungsbasis für die Flugnavigation. Nach Abzug der bereits genannten Luftwaffeneinheiten begann ab 1. Juni 1940 die Aufstellung einer Navigationsschule im Fliegerhorst Strausberg, weil der Bedarf an Navigatoren für Besatzungen der Kampf-, Transport- und Fernaufklärungsverbände der Luftwaffe stark angestiegen war. Dieser ergab sich aus den hohen Verlusten an Flugzeugbesatzungen im sogenannten Westfeldzug 1940, die es auszugleichen galt, und aus der erneuten Bereitstellung von Luftstreitkräften für die geplanten Kriegshandlungen gegen England und die UdSSR. Diesen Bedarf konnte die Navigationsschule Anklam nicht decken. Deshalb wurde die Aufstellung der Schule in Strausberg mit Eile betrieben.

Zur Erzielung eines schnellen Anlaufs und Intensivierung der Ausbildung kommandierte die Luftwaffenführung für das Lehrpersonal und die Kommandeurskader Navigatoren der Kriegsma rine sowie erfahrene Flieger aus den Bomber- und Fernaufklärungseinheiten nach Strausberg. Gleichzeitig wurde eine moderne Ausbildungsbasis aus dem Boden gestampft, zu der u.a. ein Planetarium und ein Flugsimulator gehörten. Sie waren in einem Lehrgebäude untergebracht, in dem sich auch ein großer Navigationssaal mit einem sogenannten „künstlichen Himmel" befand (nach Kriegsende von der sowjetischen Besatzungsmacht liquidiert). Für die navigatorische Ausbildung während des Fluges standen der Schule drei Staffeln zur Verfügung. Der Flugzeugpark der 1. und 2. Staffel setzte sich aus ausgesonderten Maschinen der Truppe, veralteten Baumustern und Beuteflugzeugen zusammen. Demgegenüber war die dritte Staffel eine Erprobungsstaffel, in der die neuesten Navigationsanlagen auf modernen Flugzeugen getestet wurden. Als Ausbildungszeit wurden sechs Monate angesetzt, wobei in den Jahren bis 1943 eine Ausbringung von 60 fertig ausgebildeten Navigatoren pro Monat angestrebt wurde. Dementsprechend war die Personalstärke der einzelnen Lehrgänge. Das Stammpersonal bewegte sich zwischen 450 und 500 Offizieren, Unteroffizieren, Mannschaften und Beamten. Auch fliegendes Personal mit einer abgeschlossenen fliegerischen Ausbildung zählte zu den Lehrgangsteilnehmern der Navigationsschule Strausberg. So ergab zum Beispiel die Umschulung von leichten auf schwerere, mehrmotorige Flugzeugtypen die Notwendigkeit der Erweiterung von Kenntnissen in der Navigation. Der Schulbetrieb in Strausberg erlebte bis 1945 keine Einschränkungen. Noch am 1. Februar 1945 betrug die Stärke des Stammpersonals unverändert 500 Mann! In diesem Bestand wurde die Navigationsschule am 8. Februar 1945 komplett nach Hadersleben (Dänemark) verlegt und geriet dort bei Kriegsende in britische Gefangenschaft.

 

Bild 1: Das Aufklärungsflugzeug vom Typ Do 17 gehörte zu der 1939/40 in Strausberg stationierten Aufklärungsgruppe. Hier die Bergung dieses Typs durch die Fliegerhorstkompanie nach einer Bauchlandung. (Sammlung H. Bukowski)

 

Bild 2: Die Navigationsschule der Luftwaffe Strausberg nutzte als Ausbildungsflugzeug auch die Heinkel He 111. (Sammlung H. Bukowski)

 

Bild 3: Blick auf die im Frühjahr 1940 fertiggestellten Kasernen des Fliegerhorstes Strausberg.