Folge 9 (1/2)

Strausberger "Schau- und Werbeflugtage" - Vorläufer der heutigen Flugplatzfeste (1/2)

Flugplatzfeste, die in den letzten Jahren fester Bestandteil des Strausberger Kultur- und Sportkalenders geworden sind, haben geschichtliche Vorbilder in den "Schau- und Werbeflugtagen", die Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre in der Stadt durchgeführt wurden. Groß-Flugveranstaltungen waren damals eine neue Sensation, mit der Strausberg aufgrund seines vorhandenen günstigen Fluggeländes aufwarten konnte, und sie lockten - wie historische Quellen belegen - viele Veranstalter und zahlreiche Ausflügler herbei. Nicht wenige machten von dem reizvollen Angebot Gebrauch, das herrliche Panorama der Stadt und die Schönheit der umgebenden Natur aus der Vogelperspektive - zunächst freilich zögernd, dann aber mit Begeisterung - zu erleben.

Die Entstehung der großen Flugveranstaltungen in Deutschland geht auf das Jahr 1926 zurück, als die Siegermächte des I. Weltkrieges das Flugverbot für Motorflugzeuge lockerten und den Bau leichter Motorflugzeuge zuließen. Zahlreiche Flugvereine und Flugschulen ergriffen damals die Gelegenheit, sich Motormaschinen zuzulegen, die Vereinsmitglieder im Motorflug schulen zu lassen und den Führerschein bzw. Kunstflugschein zu erwerben.

Die Organisation von Flugtagen durch die großen Flugsportvereine wie dem Deutschen Luftfahrt Verband (DLV), den der Deutsche Luftrat unterstützte, wurde zur Tradition. Ziel dieser Veranstaltungen war es, werbend für das Flugwesen zu wirken, noch immer vorhandene Vorurteile gegenüber dem Flugsport abzubauen und nicht zuletzt den Vereinen zu finanziellen Einnahmen für den weiteren Ausbau zu verhelfen. Für den Erfolg dieser Vorhaben waren umfangreiche Vorarbeiten organisatorischer Art sowie hinsichtlich des Flugtrainings erforderlich. Es entstanden die ersten Kunstflugstaffeln in Deutschland und davon ausgehend Veranstaltungsprogramme mit Motor- und Segelflugzeugen, Fallschirmsprüngen, Werbeflügen u.a.m., mit denen man von Ort zu Ort zog. Sie wurden von den kleinen, lokalen Sportfliegergruppen des DLV gern in Anspruch genommen. Zu ihnen zählte auch die DLV-Ortsgruppe Strausberg, die am 15. September 1929 einen solchen Schau- und Werbeflugtag durchführte.

Die Veranstaltung wurde durch Presse, Plakate, Werbeflüge und Flugblattabwürfe im gesamten Barnimer Land publik gemacht. Wie in der "Strausberger Zeitung", vom 16. September 1929 berichtet wird, wurde dieser erste "große Schau- und Werbeflugtag" in der Stadt ein großer Erfolg. Bei prächtigem Flugwetter zog es mehr als 3.000 Zuschauer zu Fuß, per Rad, Wagen und Auto zum vorgesehenen Gelände, das vom Besitzer H. Lange aus Klosterdorf zur Verfügung gestellt und als Flugplatz hergerichtete worden war. Die Schau wurde pünktlich um 15.00 Uhr durch Konzertvorträge des Volkschores "Liedesfreiheit" eröffnet. Inzwischen hatten sich drei Flugzeuge zu einem "Geschwaderflug" bereit gemacht. Nach dieser Vorführung stand eines der Flugzeuge, eine Focke-Wulf für Passagierflüge bereit, während die anderen zwei Kunstflüge aller Art wie Loopings, Rollen, Rückenflüge und Trudeln vollführten.

Interessant für die heutigen Organisatoren der Strausberger Flugplatzfeste könnte die folgende Beschreibung einer Wettkampf-Stafette sein, die im Rahmen des Flugtages für Begeisterung sorgte. Danach wurde zwei Mannschaften (gelb und grün) gebildet. Zu jeder gehörte ein Reiter, ein Motorradfahrer, ein Läufer und ein Flugzeug. Wörtlich ist zu dem Verlauf der Stafette überliefert: "Die Reiter vom Reiterverein Hasenholz mußten im Galopp einen großen Kreis umreiten und dann den Stab den Motorradfahrern zuwerfen; diese beschrieben denselben Kreis und übergaben den Stab den Läufern und diese liefen zu den am anderen Ende des Flugplatzes startbereit stehenden Flugzeugen, die sich nach Empfang des Stabes sofort in die Luft erheben und eine Dreieck fliegen mußten. Die Stafette wurde von Gelb gewonnen." Zu den Veranstaltungsteilen gehörte auch das sogenannte Ballonrammen, bei dem die Flugzeuge mit Wasserstoff gefüllte Luftballons verfolgten und mit ihren Propellern zum Platzen brachten. Gespannt wartete man auf den Höhepunkt des Tages, den Absprung des Fallschirmpiloten Kurt Liedtke aus Oranienburg, der hier in Strausberg aus 400 Meter Höhe seinen 95. Sprung unternahm.

Als fröhlicher Abschluß, so wird berichtet, ließ man noch einen Bonbon- und Schokoladenregen der Firma Trumpf aus Berlin auf die Zuschauer niedergehen. Für die Stadt Strausberg, die immer noch um die Durchsetzung ihrer Tourismuskonzeption in heutiger Zeit bemüht ist, möge aus dem folgenden Zitat entnehmen, wie vor siebzig Jahren die Stadt als Ausflugsziel angenommen wurde: "Für den Verkehr in unserer Stadt übte, wie bereits oben gesagt, der Flugtag einen sehr günstigen Einfluß aus. Das Postauto, das zum Flugplatz fuhr, war ständig überfüllt. Nach Beendigung des Schaufliegens strömte alles in hellen Scharen in die Stadt zurück und nahm die Gelegenheit hierselbst wahr, zur Stärkung und Erquickung nach dem Staubbade zu gemütlichem Verweilen die Gaststätten aufzusuchen. - Die Verkehrsziffern ergeben folgendes Bild: Straßenbahn 8.500, Fähre 1.900, Motorboote 450 Fahrgäste".

Allein diese Zahlen belegen, daß an der Veranstaltung im Jahre 1929 sich eine große Volksmenge aus nah und fern beteiligt hatte, vermutlich weitaus mehr, als in dem Bericht der Zeitung als geschätzt angegeben wurde.

 

Foto 1: Kopie aus der Strausberger Zeitung vom 11. September 1929

 

Foto 2: Eine Junkers F13, mit der in Strausberg Rundflüge durchgeführt wurden